Internationales Fortbildungsprogramm – Dialog- und Hospitation in Wien

Job-Shadowing für Lehrkräfte in Wien

Gut gelaunt fuhr die Münchner Gruppe am 25. Mai vom Münchner Hauptbahnhof Richtung Wien los. Bereits am ersten Tag durften wir an einer sehr interessanten Stadtführung durch Wien teilnehmen, bei der neben historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten auch immer wieder demokratische Entwicklungen und politische Hintergründe der Stadt thematisiert wurden. So erhielten wir gleich zu Beginn spannende Einblicke in die Geschichte und das gesellschaftliche Selbstverständnis der österreichischen Hauptstadt.

Mit dem harten Boden der schulischen Realität konfrontiert wurden wir ab Dienstag. In Kleingruppen besuchten die Lehrkräfte unterschiedliche Schulen.

Unter anderem wurde im Stadtbezirk Floridsdorf die Franz-Jonas-Europaschule, eine Mittelschule, besucht. Innerhalb des zweigliedrigen österreichischen Schulsystems ist die Mittelschule diejenige Schulform, die nach der Grundschulzeit eher von leistungsschwächeren Schüler*innen besucht wird. Die Lehrkräfte erhielten einen Einblick in die Schulpraxis und wie Schule in einem Bezirk mit hohem Migrationsanteil gestaltet werden kann. Eine Erfahrung blieb besonders eindrücklich: Ein über hundert Jahre altes Gebäude, das noch immer vollständig mit Kreidetafeln ausgestattet ist, macht den schulischen Alltag nicht leichter. Die pädagogischen Herausforderungen wurden der Gruppe eindringlich geschildert.

Eine andere Gruppe besuchte die Neue Mittelschule in der Bildungsregion Floridsdorf mit ganztägiger Betreuung. Die Schule setzt besondere Schwerpunkte in den Bereichen Ökologie, Technik sowie Bewegung und Sport. Besonders beeindruckend war der große Schulgarten mit seiner „Gemüseakademie“, in der sich die Schüler*innen aktiv und praktisch mit Fragen der Nachhaltigkeit auseinandersetzen konnten.

Auch das Schulparlament, das der demokratischen Bildung dienen soll, fand an einem Besuchstag statt. Dabei wurde allerdings deutlich, dass die Umsetzung von einem anderen pädagogischen Geist geprägt war, als dies derzeit vielfach an der Landeshaupt praktiziert wird. Die Diskussionen und Abläufe wurden stark durch die Lehrkräfte angeleitet und moderiert. Gleichzeitig war spürbar, mit welchem Engagement sich die Direktorin für neue pädagogische Ansätze einsetzt. Ihr Leitspruch „Ich habe die Kraft und die Ruhe, die Dinge zu ändern“ war im gesamten Schulgebäude wahrnehmbar und prägte die Atmosphäre der Schule sichtbar.

Ebenfalls im Bezirk Floridsdorf hospitierte eine Gruppe an der „GRG 21“ in der Ödenburger Straße. Die Abkürzung „GRG“ bezeichnet dabei eine Schule, die die Formen Gymnasium und Realgymnasium verbindet. Neben Führungen durch Schüler*innen und dem Besuch einer Unterrichtsstunde, bei der die Münchner Gruppe geografisch im Mittelpunkt stand, hatten die Lehrkräfte die Gelegenheit, bei einem Gespräch mit der Schulleiterin ihr Wissen zu vertiefen. Besonders beeindruckend war insgesamt, welch große Rolle europäische Aktivitäten – vom Austausch bis hin zu politischen Diskussionsveranstaltungen – spielten. Viel hängt hier vom Engagement der Lehrkräfte ab und davon, wie viel Freiraum die Schule dafür lässt.

Die GTMS Barbara-Prammer-Schule nahm ebenfalls eine Gruppe Lehrkräfte auf. Die moderne Schule beeindruckte durch ihre offene Architektur und eine insgesamt sehr freundliche und wertschätzende Atmosphäre. Man konnte deutlich spüren, dass hier mit der Vielfalt unterschiedlicher Schülerinnen intensiv gearbeitet und pädagogisch vieles weiterentwickelt wird. Besonders hervorzuheben waren die Offenheit sowohl der Schülerinnen als auch des Kollegiums sowie die vielfältigen Ansätze zur Demokratiebildung.

Von besonderem Interesse für unsere Gruppe war dabei die Arbeit mit der neuen „aula“-App, die zur Beteiligung und Mitgestaltung im schulischen Alltag eingesetzt wird. Dieser Ansatz bot zahlreiche Anregungen und Impulse, die wir aus Wien mitnehmen und über die wir sicherlich noch lange weiterdiskutieren werden.

Auch der gemeinsame Besuch in der Bildungsdirektion ermöglichte allen Lehrkräften viele neue Einblicke in das österreichische Bildungssystem. Im Austausch wurde deutlich, wie unterschiedlich schulische Strukturen organisiert sind und welche Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Besonders interessant war dabei die Perspektive auf die Steuerung und Weiterentwicklung von Schule auf regionaler Ebene. Zudem tauschten sich die Lehrkräfte untereinander zu den von ihnen besuchten Schulen aus und konnten ihre Erfahrungen aus den Hospitationen somit noch besser einordnen.

Es gab zusätzlich noch einen geführten Besuch im Parlament, bei dem die politischen Strukturen Österreichs anschaulich erlebbar wurden.

Zu guter Letzt durften wir noch ein virtuelles Rollenspiel zum Europäischen Parlament aktiv durchführen. Es ist immer interessant, wenn sich Lehrkräfte selbst in die Rolle von Schüler*innen versetzen. Umso spannender war es für uns, dass die Arbeitsaufträge innerhalb des Planspiels doch recht klar vorgegeben waren. In zwei Gruppen aufgeteilt arbeiteten wir an Gesetzesvorlagen zu den Themen Digitalisierung und Umweltpolitik. Dabei wurde deutlich, wie anspruchsvoll politische Entscheidungsprozesse sind und wie wichtig Kommunikation, Kompromissfähigkeit und Zusammenarbeit für demokratische Prozesse bleiben. Allein die Zeitfenster für die Bearbeitung der einzelnen Aufgaben waren dabei sehr knapp bemessen, sodass die Gruppen ihre Positionen und Gesetzesvorschläge unter erheblichem Zeitdruck entwickeln mussten.

Natürlich fehlten auch die gemeinsamen kulturellen und geselligen Programmpunkte nicht: Bei bestem Wetter fand eine Reflexionsphase am Theseustempel im Volksgarten statt, die Raum für Austausch und persönliche Eindrücke bot. Ebenso durfte das gemeinsame „Schnitzelerlebnis“ als typische Wiener Erfahrung nicht fehlen.

Autor*innen: Anneke Elei, Mathias Kowoll

Ähnliche Beiträge