Fachveranstaltung „Bildung gemeinsam gestalten – Stärkung der Bildungsbeteiligung zugewanderter Familien“

Unter dem Titel „Bildung gemeinsam gestalten – Stärkung der Bildungsbeteiligung zugewanderter Familien“ hat am 21.05.2026 im Kulturzentrum GOROD in München eine Fachveranstaltung stattgefunden, die die Zusammenarbeit von Familie und Schule in den Mittelpunkt stellte. Bildung könne „nur gemeinsam gelingen“, betonte Moderatorin Sarah Bergh-Bieling zu Beginn und verwies auf Eltern und Erziehungsberechtigte mit Migrationserfahrung als „unverzichtbare Partner*innen im Bildungsprozess“, die als Expert*innen ihrer Lebenswelt systematisch einbezogen werden müssten. Ein wissenschaftlicher Impuls, vier Workshops und eine Podiumsdiskussion boten Raum für Austausch zwischen Fachpraxis, Wissenschaft, Migrant*innenorganisationen und Elterninitiativen.

Unter dem Titel „Bildung gemeinsam gestalten – Stärkung der Bildungsbeteiligung zugewanderter Familien“ diskutierten Fachpraxis, Wissenschaft und Elterninitiativen im Kulturzentrum GOROD, wie Bildungsbeteiligung inklusiver gestaltet werden kann. Ein Impulsvortrag, vier Workshops und eine Podiumsdiskussion beleuchteten Herausforderungen und konkrete Handlungsansätze in der Zusammenarbeit von Eltern und Schule.

Moderatorin Sarah Bergh-Bieling vom Fachbereich Politische Bildung im Pädagogischen Institut – Zentrum für Kommunales Bildungsmanagement (PIZKB) begrüßte die Gäste im vollbesetzten Saal und im Livestream und beschrieb GOROD als einen „Begegnungsort, den man im Gedächtnis behalten sollte“.

Franziska Messerschmidt, Leitung des Kommunalen Bildungsmanagement, machte in ihrem Grußwort deutlich: „Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste – und wenn sie dafür Unterstützung brauchen, sind wir als Bildungsverwaltung gefordert, diese bereitzustellen.“ Mit Blick auf ungleiche Bildungschancen mahnte sie, die Vielfalt der Münchner Schüler*innenschaft als Normalität schulischer Entwicklung zu begreifen und Heterogenität nicht als Zusatzaufgabe zu betrachten.

Aufzeichnung Impulsvortrag „Zusammenarbeit von Eltern und Schule neu denken“:

Aufzeichnung der Podiumsdiskussion:

Das vollständige Programm finden Sie zum Herunterladen hier.

Den inhaltlichen Einstieg gestaltete Katjuscha von Werthern, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Hildesheim. Unter dem Titel „Bildung in der Einwanderungsgesellschaft gemeinsam gestalten“ zeigte sie auf, dass Familie als „erster und wichtigster Bildungsort“ großen Einfluss auf schulisches Lernen hat, während Studien zugleich die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland belegen. Daraus folge, dass das elterliche Erziehungsrecht und der staatliche Bildungsauftrag, die im Grundgesetz „gleichrangig“ angelegt sind, nur im Sinne eines „sinnvoll aufeinander bezogenen Zusammenwirkens“ eingelöst werden könnten.

Von Werthern problematisierte gängige Defizitzuschreibungen gegenüber Eltern mit Migrationsgeschichte und sprach von „dubiosen Konstrukten“, wenn etwa von „schwer erreichbaren“ oder „bildungsfernen“ Eltern die Rede ist. „Wir müssen uns ehrlich fragen: Sind es wirklich schwer erreichbare Eltern – oder ist manchmal die Schule schwer erreichbar?“, formulierte sie mit Blick auf institutionelle Barrieren, Sprache und Kommunikationsformen. Entscheidend sei, Elternbilder kritisch zu reflektieren, Vertrauen aufzubauen und Formate gemeinsam mit Eltern zu entwickeln, die an deren Ressourcen ansetzen – statt sie nur als Problemgruppe zu adressieren.

Präsentation Impulsvortrag Katjuscha von Werthern

Dr. Zeynep Sezgin Radandt, Projektleiterin „PartEl“, stellv. Geschäftsführerin, Bundeselternnetzwerk der Migrantenorganisationen für Bildung & Teilhabe (bbt)

Dr. Zeynep Sezgin Radandt vom Bundeselternnetzwerk der Migrantenorganisationen für Bildung und Teilhabe (bbt) stellte das Projekt PartEl vor, das seit 2023 die Partizipation von Eltern aus Drittstaaten an schulischen Elterngremien stärkt. Dabei wurden zentrale Aspekte wie Zuschreibungen, Barrieren, Diskriminierung sowie die Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Teilhabe betrachtet.

Im Mittelpunkt des Workshops stand die Frage, wie Eltern mit Migrationsgeschichte das Bildungssystem erleben und welche Bedingungen ihre Beteiligung fördern oder erschweren. Deutlich wurde ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Erwartungen von Institutionen und den Lebensrealitäten von Eltern. Während Schulen häufig von „schwer erreichbaren Eltern“ oder mangelndem Interesse sprechen, erleben Eltern das Bildungssystem oft als komplex und wenig transparent. Hinzu kommen institutionelle Zuschreibungen und Diskriminierungserfahrungen, die vielfach über den Schulkontext hinausreichen.

Ein zentrales Thema war die Reflexion von Haltungen, Erwartungen und Vorannahmen gegenüber Eltern mit Migrationsgeschichte. Die Teilnehmenden diskutierten, wie implizite und explizite Zuschreibungen Eltern als kompetent oder weniger kompetent markieren und die Zusammenarbeit beeinflussen können. Betont wurde die Notwendigkeit, Eltern als gleichwertige Akteur*innen im Bildungssystem anzuerkennen und Vertrauen als Grundlage gelingender Bildungs- und Erziehungspartnerschaften zu stärken.

In den Arbeitsgruppen wurden strukturelle Barrieren sowie Fragen der Kommunikation, Mehrsprachigkeit und Beteiligung bearbeitet. Als Hindernisse wurden unter anderem ausschließlich deutschsprachige Elterninformationen, fehlende Übersetzungen, mangelnde Transparenz über schulische Erwartungen, unterschiedliche Erwartungshaltungen sowie bestehende Machtgefälle zwischen Institutionen und Eltern benannt. Zudem wurde deutlich, dass viele kleine Ausschlusserfahrungen in ihrer Summe erhebliche Auswirkungen auf Zugehörigkeitsgefühl, Vertrauen und Teilhabe entfalten können.

Als zentrale Erkenntnis wurde ein Perspektivwechsel hervorgehoben: Weg von der Frage nach „schwer erreichbaren Eltern“ hin zur Frage, wie zugänglich und offen Institutionen selbst gestaltet sind. Teilhabe beginnt demnach mit einer ressourcenorientierten Haltung, die Mehrsprachigkeit und unterschiedliche Erfahrungen von Familien als Stärke anerkennt. Als wichtige Ansatzpunkte wurden eine verständliche und transparente Kommunikation, diskriminierungskritische Reflexion im Team, flexible und niedrigschwellige Beteiligungsformate, die aktive Ansprache aller Eltern sowie die Zusammenarbeit mit Migrant*innenorganisationen benannt.

Impulse und Konzepte zur diversitätsbewussten Elternbeteiligung finden Sie in den Publikationen des Bundeselternnetzwerks. 

https://www.bundeselternnetzwerk.de/publikationen/konzepte/

Dr. Alexei Medvedev, Bereichsleitung Schulentwicklung, KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V., Hamburg

Dr. Alexei Medvedev (KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung / Universität Hamburg) präsentierte Ergebnisse seiner Studie zu schulischen Elterncafés (SEC) in Hamburg. Er zeigte auf, dass SEC seit den 2010er Jahren als niedrigschwellige Orte des Wohlbefindens, der Reflexion, der Emanzipation und des Lernens etabliert wurden – und doch an strukturelle Grenzen stoßen. So hänge die Teilnahme bestimmter Elterngruppen maßgeblich davon ab, wie das Angebot von außen wahrgenommen werde: als Angebot für Frauen, für Migrantinnen oder für weiße Eltern mit Deutsch als Erstsprache. Auch die sprachlich-ethnische Zusammensetzung des Personals spiele eine entscheidende Rolle – gemischte Teams erwiesen sich als zielführender. Besonders kritisch beleuchtete er das „Zielgruppendilemma”: Elterncafés erreichen vor allem die formal gebildete Mittelschicht, während die als schwer erreichbar geltenden Eltern häufig ausbleiben. Auf die von den Workshopteilnehmenden adressierte Schwierigkeit, genügend Menschen zu den Treffen zu bewegen, antwortete Medvedev mit einer einfachen Idee: „Drehen Sie den Spieß um und bringen Sie das Elterncafé zu den Leuten, zum Beispiel indem Sie sich an einen Elternabend andocken, wo ohnehin viele Teilnehmende zu erwarten sind.“

Presentation_Elterncafé_München_2026_Medvedev

Sonia Ango, Mathilda Legitimus-Schleicher, MORGEN e.V. / Projekt BEST – Bilde, Entwickle und Stärke dein Talent

Nach einer Projektvorstellung von BEST und einem Bericht über die Aktivitäten der letzten zwei Jahre mit Fokus auf der Arbeit mit Familien aus verschiedenen migrantischen Communities, folgte eine kurze Einführung in das Thema des Workshops. In einem offenen und vertrauensvollen Rahmen haben sich die Teilnehmenden intensiv mit den Herausforderungen befasst, mit denen migrierte Familien im Alltag konfrontiert sind. Dabei wurden unter anderem Themen wie Sprache, Kommunikation, Zugänge zu Angeboten, Intersektionalität, Belastungen im Familienalltag sowie unterschiedliche Erwartungen an Institutionen und Fachkräfte besprochen. Schnell war man sich einig, dass viele Herausforderungen für neuzugewanderte Familien auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Durch die Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen wurde deutlich, wie vielfältig die Lebensrealitäten von Familien mit Migrationsgeschichte sind und wie wichtig ein differenzierter Blick auf ihre Situation ist.

Ein zentraler Bestandteil des Workshops war, wie bestimmte Verhaltensweisen, Reaktionen oder Entscheidungswege von Familien aus Sicht der Institutionen wahrgenommen werden und wie sie sich aus der Sicht der Familien selbst darstellen können. Dieser Perspektivwechsel führte zu einer tieferen Sensibilität für mögliche Missverständnisse, Unsicherheiten und strukturelle Hürden im Kontakt zwischen Bildungseinrichtungen, Behörden, Institutionen und Familien.

Im Austausch wurde außerdem deutlich, welche Bedeutung eine migrationssensible Haltung in der Zusammenarbeit mit Familien hat. Die Teilnehmenden erarbeiteten, dass eine wertschätzende Kommunikation, Geduld, Klarheit und das Einbeziehen individueller Lebenslagen wichtige Voraussetzungen für gelingende Beziehungen sind. Gleichzeitig wurde reflektiert, wie institutionelle Strukturen so gestaltet werden können, dass sie Familien mit unterschiedlichen Hintergründen besser erreichen und unterstützen. Hier wurde der Impuls aus der Keynote aufgegriffen und überlegt was Institutionen und auch Unterstützungsangebote schwer zugänglich macht, zumal es viele dieser Angebote gibt. Es wurde festgehalten, dass es Ressourcen für die Zusammenarbeit und eine Auslagerung durch leicht zugängliche Angebote mit einer Verschränkung zur Schule braucht.

Insgesamt bot der Workshop einen geschützten Raum für Reflexion, Sensibilisierung, sowie Gedankenaustausch über Realitäten und Chancengleichheit. Die Teilnehmenden nahmen konkrete Impulse für ihre Praxis mit und zeigten großes Interesse daran, die eigene Rolle im Kontakt mit migrierten Familien weiter zu hinterfragen und zu schärfen. Der Workshop leistete damit einen wichtigen Beitrag dazu, Verständnis, Handlungssicherheit und eine diversitätssensible Haltung in der unverzichtbaren Zusammenarbeit mit migrantischen Communities und Netzwerken zu fördern.

Präsentation Projekt BEST

Dr. Kristin Kastner, Netzwerkkoordination Sinti / Roma und EU-Zuwanderung der LH München, Tamara Chitina, Johann Mettbach, Madhouse gGmbH

Dieser Workshop widmete sich den unterschiedlichen Formen von Diskriminierung und ihren Folgen für die Bildungsteilhabe von geflüchteten ukrainischen Rom*nja. Nach einem Einblick in die Lebensrealitäten von Rom*nja in der Ukraine und in Deutschland stellte die Beratungsstelle Madhouse das Projekt „Geflüchtete Roma Familien aus der Ukraine“ vor. Im Rahmen eines communityorientierten Ansatzes begleiten Mediator*innen die Familien vor allem im schulischen Kontext und sensibilisieren zugleich pädagogische Fachkräfte. Ziel des Workshops war ein besseres Verständnis für mehrfach diskriminierte Gruppen und damit verbunden das gemeinsame Erarbeiten von Wegen hin zu einer ernstgemeinten Teilhabe im Sinne einer Maßnahme ausgleichender Gerechtigkeit.

Präsentation

In der abschließenden Podiumsdiskussion mit Marta Berendsen (Äthiopische Eltern Kind Initiative), Katjuscha von Werthern und Dr. Alexei Medvedev ging es um die Frage, wie echte Mitbestimmung von Eltern aussehen kann. „Schule ist nicht nur Lernort, sondern auch der Ort, an dem Kinder lernen, ob sie dazugehören“, sagte Marta Berendsen mit Blick auf Rassismuserfahrungen von Kindern und forderte, diese ernst zu nehmen. Von Werthern warnte vor „Pseudopartizipation“, bei der Eltern zwar sprechen, aber keinen Einfluss haben, während Medvedev betonte: „Wir leben im Schulsystem mit einem geteilten Bildungs  und Erziehungsauftrag – da gibt es für mich gar keine Alternative zur Mitbestimmung.“

Zum Abschluss wurde deutlich: Eine nachhaltige Stärkung der Bildungsbeteiligung zugewanderter Familien braucht diskriminierungskritische Strukturen und die konsequente Anerkennung von Eltern als Expert*innen ihrer Lebenswelt. Beteiligung, so von Werthern, brauche „Raum, Stimme, Gehör und Einfluss“ – fehle der Einfluss, bleibe Partizipation eine leere Hülle.

Moderation: Sarah Berg-Bieling

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